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Anthologie Presseartikel 6.01.09 06.Januar 2009 hna
Ein Leben voller Bücher Bertram Kircher ist Literaturarchäologe – Er führt Nichtleser in eine wunderbare Welt Von Thomas Thiele Lippoldsberg. Keine Sekunde ohne Bücher. Im Zug, in der Straßenbahn, im Wartezimmer beim Arzt, auf Messen, am Schreibtisch und jeden Abend vor dem Schlafengehen auch noch eine halbe Stunde – Bertram Kircher aus Lippoldsberg hat immer ein Buch zur Hand, um darin zu lesen. Hunderte, tausende hat er bereits verschlungen. Kein Wunder, denn vom Kennen möglichst vieler Bücher lebt er. Bertram Kircher ist Deutschlands einziger Literatur-Archäologe. Er durchkämmt nicht nur aktuelle Bücher, sondern die Literatur von Jahrhunderten. Die Märchensammlungen der Hauffs, Andersen, Grimms ebenso wie die die philosophischen Werke Kants, Hegels, Lichtenbergs oder der alten Griechen. Er liest uralte Sagen und Mythen aus Indonesien und dem Orient ebenso wie die Überlieferungen zu König Artus Tafelrunde und zu Atlantis. Er hat Hans Albers studiert und König Barbarossa. Er kennt Gespenster aus Irland ebenso wie die bösesten Kriminalgeschichten. Der Bücherliebhaber hat sich sogar durch die einmalige Sammlung von Heimat- und Liebesliteratur des 19. Jahrhunderts in der Göttinger Uni-Bibliothek hindurchgearbeitet - und findet täglich neues Futter. Schon 80 Stück Wozu das Ganze? Um Appetit zu machen. Bertram Kircher verfasst Anthologien, das sind Sammlungen kleiner Erzählungen, Gedichte, Balladen und Romanauszüge zu einem bestimmten Thema. 80 davon hat Kircher bisher verfasst, zuletzt zwei Sammlungen über Schattenwesen und Dämonen sowie Magier und Zauberer. „Ich bin ein literarisches Trüffelschwein, ich grabe Texte aus wie ein Archäologe.“ Bertram Kircher Sein größer Erfolg, an dem er über 20 Jahre arbeitete, ist eine Neufassung der Bibel, in der er zu jedem Kapitel eine Bearbeitung durch einen Schriftsteller fand - vom Wessobrunner Gebet über Hans Sachs bis hin zu Herder und Rilke und ganz modernen Autoren. Sogar der Papst schickte ihm dafür vor drei Jahren aus Rom ein Dankschreiben. Stolz ist er auch auf die Einstufung seines Donau-Sachbuches als „bester Reiseführer“ sowie die Tatsache, dass er bei Recherchen zu einem Buch über die Bremer Stadtmusikanten als erster herausfand, wo die Geschichte tatsächlich herstammt – aus dem Gasthaus „Zum Schwanen“ im paderbornischen Bokel. Warum er das macht? Nachdem seine Eltern ihn „in den großen Garten der Literatur führten“, entwickelte der aus Köln stammende Bertram Kircher zwei große Leidenschaften – Lesen und Sammeln. In seinem Haus, das er vor 25 Jahren mit der Fotografin und Heilpraktikerin Nora Kircher durch Sanierung der alten Schmiede in Lippoldsberg schuf, hat er eine Bibliothek mit 25 000 bis 30 000 Büchern quer durch die Welt- und Trivialliteratur angesammelt. „Ich kann nicht ohne Bücher leben“, gibt er zu und streut nebenbei ein, dass nicht Professoren entscheiden, was gelesen wird, sondern die Leser. Der große Goethe sei zwar zu Lebzeiten anerkannt gewesen, doch kein Bestsellerautor. Das war vielmehr sein Schwager Vulpius mit seinen Geschichten vom Rinaldo Rinaldini, die man heute noch kennt. Neue Welten entdecken Deshalb ist Kircher auch überzeugt, dass Bücher eine Zukunft haben – und einen Fundes, der für mehrere Leseleben ausreicht. Er freut sich jedesmal, wenn Leser ihm berichten, dass sie durch eine seiner Anthologien neue Welten entdeckt haben. „Das ist eine ideale Form, um Nicht- oder Gelegenheitsleser in die wunderbare Welt der Literatur einzuführen“, sagt Kircher, lehnt sich zurück, schlägt wieder ein Buch auf und sucht die nächsten unwiderstehlichen Häppchen. Leute von nebenan (hna-serie) Ein Leben voller Bücher: Bertram Kircher hat mehrere Berufe, doch seine Hauptaufgabe ist die des Literaturausgrabens. Unser Bild zeigt ihn in seiner Bibliothek, umrahmt von einigen der von ihm herausgegebenen Anthologien – vorn die erste von 1977, dahinter die 75. und ihm die liebste, die anspruchsvolle Neufassung der Bibel. Foto: Thiele ++++++++++++++ Zur Person Bertram Kircher, geborener Schlender, genannt Timur (Pseudonyme: Bertram Wallrat, Thilo Lang und erschiedene Kombinationen) wurde im Februar 1941 im Rheinland geboren. Er ist gelernter Buchhändler, hatte einen eigenen Verlag, war Lyriker, Großhändler, Verlagsvertreter und gibt seit den 1980er Jahren vor allem Anthologien (Textsammlungen) heraus. Er sieht sich als Privatgelehrten und Autodidakten, der mit Begeisterung Texte aus entlegendsten Bibliotheksbeständen ausgräbt und wieder zugänglich macht. Eine Zeitlang lebte er in Göttingen, seit über 25 Jahren wohnt er mit seiner Frau Nora Kircher in Lippoldsberg. (tty) +++++++++++++++++++++++++++ Stichwort Anthologie Eine Anthologie ist eine Sammlung erlesener Dichtungen, Gedichte, kurzer Prosastücke, Sprüche und Auszüge aus Romanen und dramatischen Werken, erklärt Bertram Kircher. Sie sind meist unter einem bestimmten Motto oder einem bestimmten Thema zusammengestellt und sollen einen Überblick über eine Epoche, einen Autor oder ein Thema geben. Anthologien in deutscher Sprache gibt es seit etwa 400 Jahren. Ursprünglich waren sie Wissenssammlungen, heute sind sie poetische Appetit-anreger, die den Wunsch nach mehr wecken sollen und können. (tty) ++++++++++++++ Hintergrund Wie kommt man an so viele Texte? Autoren und Herausgeber von Anthologien gibt es einige in Deutschland, doch den Titel Literaturarchäologe hat sich Kircher selbst gegeben - und er ist deshalb einmalig. Allerdings auch wegen seiner Arbeitsweise: Er sucht nicht im Internet, sondern in seinem jahrzehntelangen Wissen, seiner eigenen Bibliothek sowie jenen in Göttingen, Hannover und Wolfenbüttel und darüber hinaus an jenen Orten, die das World-wide-web noch nicht erreicht hat. Und dabei hat er beim Lesen eines Buches immer gleich mehrere Themen im Kopf, markiert die Passagen mit Klebezetteln, damit Aufwand und Nutzen im Einklang bleiben. Tricks benutzt er nicht, einfach nur: „Lesen, lesen, lesen, lesen – anders geht’s nicht.“ (tty) + +++++++++++++++ |